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Unser Treffen mit Asylbewerber*Innen in Buxtehude

Friday, 31.July 2015 von

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Die Gruppe albanischer AsylbewerberInnen empfing uns am 24.07. in ihrer Unterkunft, nahe der Altstadt.

Die Gruppe albanischer AsylbewerberInnen empfing uns am 24.07. in ihrer Unterkunft, nahe der Altstadt.

Kürzlich polterte CSU-Chef Horst Seehofer, er wolle gegen angeblich „massenhaften Asylmissbrauch“ durch Flüchtlinge vom West-Balkan vorgehen. Dies ist nur eine von viel zu vielen Stammtisch-Parolen, die man in den letzten Wochen zu hören bekommt, wenn hierzulande über Asylpolitik gesprochen wird.
Diese aggressiven und zuweilen unreflektierten Forderungen der letzten Zeit zeigen die Brisanz des Themas auf, sowie die Notwendigkeit, sich näher mit den Menschen und ihren Schicksalen zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.
In Buxtehude wurden im Laufe des Jahres mehrere Wohnmöglichkeiten für AsylbewerberInnen und Flüchtende eingerichtet. So bietet auch ein Gebäude in der Innenstadt derzeit Platz für Flüchtende und AsylbewerberInnen aus Albanien, Serbien, Montenegro und dem Kosovo.
Für Freitag, den 24.07. vereinbarten wir ein Treffen mit der Gruppe aus Albanien.
Ein Dolmetscher der AWO sowie eine Sprachmittlerin standen uns für das Gespräch freundlicherweise zur Verfügung.
Um kurz nach drei trafen wir uns mit Frau Baier-Wirbals, die uns im Vorfeld des Treffens mit Rat und Tat zur Seite stand, die den Dolmetscher bereits in Empfang genommen hatte.
Hinter dem Gebäude erstreckt sich ein Anbau, in dem weitere Wohnungen sowie ein Spiel- und Gemeinschaftsraum und ein kleiner Klassenraum untergebracht sind. Bei der Größe der untergebrachten Gruppe ist der Platz dennoch sehr beengt.

Als wir die Gruppe hereinbaten, füllte sich der Raum, neben uns nahmen vierzehn AsylbewerberInnen aus Albanien Platz. Nach einer anfänglichen Begrüßungsrunde, bei der wir uns mit Hilfe des Dolmetschers einander vorstellten, wunderten wir uns ein wenig, dass sich keiner an unserem kleinen Buffet mit Kuchen und Süßigkeiten bediente. Ein ehemaliger Landwirt aus Fier erklärte uns lachend, angesichts unserer Verwirrung, dass es in Albanien nicht üblich sei während eines Gespräches zu essen.

Die Stimmung war von Anfang an sehr locker und entspannt, man bedankte sich bei uns für unser Interesse. Wie Frau Baier-Wirbals uns bereits im Vorfeld ankündigte, fragte man uns nach dem Arbeitsrecht, keiner der Anwesenden verstünde, warum man sie nicht arbeiten ließe.
Sie erzählten uns, dass es zermürbend sei den ganzen Tag nichts zu tun zu haben, auf die Frage was sie so den ganzen Tag machen (können), entgegneten sie einstimmig „schlafen“.
Darüber hinaus sei die Ungewissheit über ihren Verbleib ebenso quälend.
Man sei dankbar darüber, dass man in Deutschland aufgenommen wurde, könne aber nicht verstehen, warum man sie nicht arbeiten ließe, so würden sie „endlich nicht mehr auf Staatskosten zu leben und endlich was zu tun zu haben“.
Die Anwesenden wissen, dass wir nicht in der Position sind diese Missstände zu kippen, sie dankten uns aber dafür, uns für ihre Situation zu interessieren und ihre Anmerkungen mit in den politischen Alltag mitzunehmen.
Angesichts der immer häufigeren Übergriffe von Rechts auf AsylbewerberInnen und Asylbewerberheime in Deutschland fragten wir, ob die Menschen sich hier in Buxtehude aufgenommen und akzeptiert fühlen. Die Antwort ließ uns aufatmen, da man uns versicherte, dass man bislang überall sehr herzlich und offen empfangen und aufgenommen wurde.
Auf nähere Nachfrage erfuhren wir, dass man sich bislang noch nie irgendwelchen Anfeindungen ausgesetzt gesehen habe, im Gegenteil bieten die meisten Menschen ihre Hilfe an, sei es im Alltag beim Einkaufen oder Deutschunterricht in der Unterkunft.
Derzeit wird der Deutschunterricht, so berichtete Frau Baier-Wirbals, nur von ehrenamtlichen Kräften erteilt, ehemaligen LehrerInnen und Ehrenamtlichen.
Allerdings wünscht man sich noch mehr Deutschunterricht. Die Kinder, die auch in der Schule Deutschunterricht erhalten, lernen schnell und können sich auch bereits auf Deutsch verständigen, für die Erwachsenen ist das Lernen einer so schweren Sprache wie Deutsch allerdings deutlich schwieriger, sodass sie sich noch mehr Unterricht wünschen und jede Chance zu lernen dankend annehmen. Daher ist man auch über die Kindergartenplätze, die den Kleinsten der Gruppe zur Verfügung gestellt werden begeistert, da sie dort ein wenig Beschäftigung haben, mit anderen Kindern in Kontakt kommen und darüber hinaus auch noch die Sprache lernen.

Abschließend haben wir nach den Schicksalen der Familien gefragt. Zwei Familien stammen aus der Stadt Fier. Ein ehemaliger Landwirt, der bei der letzten Flutkatastrophe auf dem Balkan alles verloren hat, sowie ein Taxifahrer, der aus seiner Selbstständigkeit heraus gezwungen werden sollte.
Der Landwirt, der mit seiner Frau und seinem Sohn hergekommen ist, berichtet, dass es in Albanien keine Unterstützung seitens des Staates für den Verlust des Hofes gebe.
Seine Familie stand in Albanien vor dem Nichts, er wusste nicht, wie er seinen Sohn ernähren sollte, er konnte ihn auch nicht weiter zur Schule schicken.
Mit dem allerletzten Geld kaufte er drei Busfahrkarten nach Deutschland.
Auf seinem Weg hierher musste er jedoch noch die albanischen Grenzer schmieren, da in Albanien Korruption grassiere. Auf der Bus-Odyssee landete die Familie schließlich in Dortmund, von wo aus sie nach Buxtehude geleitet wurden.
Die zweite Familie aus Fier, ein Mann mit seiner Frau und ihren vier Kindern, berichteten von staatlich verschuldeter Armut. Als selbstständiger Taxifahrer wollte man den Mann nicht weiter arbeiten lassen, er sollte in die staatlich organisierte Taxigesellschaft eingegliedert werden, wogegen er sich weigerte, da mit der Eingliederung hohe Gebühren einhergehen würden, die den Ruin für seine Familie bedeutet hätten.
Als Folge der Weigerung wurde gegen ihn ein Arbeitsverbot ausgesprochen.
Angesichts dieser Situation, in der die sechsköpfige Familie sich nicht mehr ernähren konnte, flüchtete die Familie nach Deutschland.
Abschließend berichtete uns ein Ehepaar von ihrem Schicksal, wonach sie sich verfolgungs-ähnlichen Zuständen in ihrer Heimatstadt ausgesetzt sahen, sie berichteten von polizeilichen Schikanen, ausgelöst durch Korruption.
Kurz vor der Abreise nach Deutschland sei es am schlimmsten gewesen.
Ein Polizist fing den Mann täglich auf dem Weg zur Arbeit mit neuen Anschuldigungen ab und forderte hohe Geldsummen, um die Anklage fallen zu lassen. Der Rechtsapparat Albaniens leide in Gänze unter dieser Art der Korruption, sodass das junge Paar keine Möglichkeit hatte, sich irgendwie zu helfen. Als letzter Ausweg blieb die Flucht nach Deutschland.
Von anderer Seite her wurde uns noch über die polizeiliche Willkür berichtet, wonach man in Albanien zwar gut leben könne, man dafür aber ordentlich Vitamin B brauche.
„Du kannst gut leben in Albanien, wenn dich die richtigen Personen mögen, allerdings muss der mindestens Polizeichef sein“, erklärte uns ein junger Mann.
Die AsylbewerberInnen haben verschiedene Geschichten, sie alle aber eint die Hilflosigkeit in ihrer Heimat. Der Ruin, der ihnen dort drohte, ließ ihnen keine andere Wahl, als die Flucht zu ergreifen, da die Lebensbedingungen in Albanien ohne die richtigen Voraussetzungen einen Verbleib dort für sie unmöglich machten.
Für niemanden war die Entscheidung zu fliehen einfach, doch man nahm die Strapazen und die Ungewissheit hier in Kauf, da ein menschenwürdiges Leben dort nicht mehr möglich war.

All diese Schicksale zeigen aber, dass die Stammtisch-Parolen die Realität ausblenden und bloßen Hass schüren, ohne sich überhaupt mit den Menschen beschäftigt zu haben.
Die Menschen, die mit solchen Parolen um sich werfen und die Mär vom „faulen Asylanten“ verbreiten, würden sich über die Geschichten dieser Menschen und ihren Wunsch zu arbeiten sehr wundern.
Über den Dolmetscher haben wir die Gruppe dann dazu eingeladen, zu unserem diesjährigen Fußball-Turnier zu kommen und ein eigenes Team zu stellen.
Mit großer Begeisterung nahmen sie diese Einladung an und dankten uns erneut für den Besuch.

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